Die Schüler der Mme Anne / Les Héritiers, F 2014

Es kann ruhig gleich gesagt werden: Die Geschichte geht gut aus für die Schüler der "Mme Anne". Anne Gueguen (Ariane Ascaride) ist eine engagierte Geschichtslehrerin an einem Gymnasium in der Pariser Vorstadt Créteil. Nach den Ferien bekommt sie eine neue 10. Klasse, zusammengewürfelt aus all denen, deren Notendurchschnitt nach dem Collège, der Mittelschule für alle, nicht besonders gut war. In Frankreich ist die "Seconde", die 10. Klasse, das erste Jahr im Gymnasium und entscheidend für den weiteren Werdegang der Schüler.

Anne Gueguens Schüler sind mit ihren 15 Jahren vom Leben schon so enttäuscht, dass sie keine Lust zum Lernen haben und das auch deutlich zeigen. Eine Klasse von Verweigerern, die zum Teil gar nicht verstehen können, warum ihr Wunsch, in eine der begehrten sogenannten Europaklassen zu kommen, nicht berücksichtigt wurde. Schwierige Schüler, die jeden Lehrer zur Verzweiflung bringen müssen, also.

Nicht so Anne Guéguen: Kein Zweifel, sie ist Lehrerin aus wahrer Leidenschaft. Die Tatsache, dass man ihr die schwierigste Klasse der Schule aufgedrückt hat, ist für sie eher Ansporn als Abschreckung. Und sie weiß, wie sie die Jugendlichen motivieren kann. Gegen den Willen des Schulleiters meldet sie die Klasse kurzerhand zu einem nationalen Geschichtswettbewerb an. Kein leichtes Thema für die zahlreichen Muslime unter den Schülern, denn es geht um die Zeit der deutschen Besatzung und der Deportation französischer Kinder. Doch spätestens nach dem Treffen mit einem Zeitzeugen wollen alle das Projekt gut zu Ende bringen. Und letztlich geht es gar nicht mehr um den Wettbewerb, sondern um die Wertschätzung, die den Schülern plötzlich zuteil wird.

Der Film spiegelt in aller Deutlichkeit das französische Schulsystem mit seinen Schwächen, vor allem für diejenigen wider, die besser in einer praktischen Ausbildung als in der Schule aufgehoben wären. Er zeigt aber auch, was die Jugendlichen vollbringen können, wenn sie tatsächlich ihren Fähigkeiten gemäß gefördert werden. Eine Diskussion, die auch in Deutschland seit Jahren Eltern und Pädagogen beschäftigt. Besonders beeindruckend ist jedoch, dass Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar eine wahre Geschichte erzählt - Drehbuchautor und Hauptdarsteller Ahmed Dramé war selbst Schüler dieser Klasse. Der Film sollte Pflicht für Lehrer und Oberstufenschüler sein! 

Sabine Gottschalk

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