Vom Mammut bis zur Briefmarke

Vom Mammut bis zur Briefmarke

Die Ausstellung im Erdgeschoss zeigt momentan die doppelte Aufarbeitung von Fontanes Expeditionen in der Gegend. Noch bis zum 30. Juni kann sie besucht werden. Foto: Janna Kühne

Falkensee.
Was für Geschichten ein Stasi-Service mit Jagdmotiven oder auch die selbst gedruckte Briefmarke der Stadt erzählen können – im Heimatmuseum Falkensee wird den Besuchern der ein oder andere kuriose  Ausflug in die Vergangenheit geboten. Wie eine Musikaugenperle aus dem Jahre 825 nach Christus nach Falkensee kam verliert sich zum Teil in Spekulationen. Viel weniger Spekulation, doch nicht minder spannend ist die Arbeit mit Zeitzeugen. „Geschichte wird dadurch lebendig, dass Gefühle dazu gehören. Warum haben Menschen sich für etwas eingesetzt? Welche Schicksale sind damit verbunden? Das hat immer etwas damit zu  tun, wie man Dinge transportiert und wie man das erzählt. Zeitzeugen sind zwar nicht die besseren Historiker, aber ohne sie geht es nicht.“, erklärt  Bert Krüger, der die kleine Rundtour durchs Museum anleitet. Objekten und scheinbar unscheinbaren Gegenständen Geschichten zu entlocken gelingt ihm gut.

Gertrud Kolmar leitet durch die Ausstellung
Der rote Faden hinter der Dauerausstellung ist die Lyrikerin Gertrud Kolmar, die einen großen Teil ihres Werkes in Falkensee verfasste. Zu jedem Ausflug in die verschiedenen Ausstellungsbereiche wird ein thematisch passender Bezug aus ihrem literarischen Schaffen hergestellt. So beschreibt die Tochter des jüdischen Rechtsanwaltes Ludwig Chodziesner mit einem erstaunlichen Weitblick  bereits 1933 sehr eindrücklich ihre Empfindungen zum ersten Artikel über das Konzentrationslager Sonnenburg: „Sie irren im Lager um mit kranken, entsetzten Blicken/ Und leben wahrscheinlich noch. Das können sie nicht begreifen.“ „Jede Stadt hat eine besondere Geschichte zu erzählen. Und die Geschichte von Gertrud Kolmar ist besonders, weil  sie zum einen tolle Gedichte geschrieben hat. Zum anderen ist es natürlich auch ein Beispiel dafür, wie in der Zeit nach 38 aus Mitbürgern Menschen wurden, die aufgrund der Ideologie ausgegrenzt wurden.“ Kolmars Spuren verlieren sich 1943 beim Transport nach Auschwitz. „Es war uns ein Ansporn, an sie zu erinnern.“, erklärt Krüger.

Vom Mammut bis zum Mauerfall
„Die schwarzen Reiher flogen über grüngoldnes Birkengerinnsel...“, heißt es schon bei Kolmar. Für die Schul- und Kitagruppen ist der interaktive Raum mit den 40 präparierten Tieren, die rund um Falkensee heimisch sind - unter anderem natürlich auch ein Reiher -  immer die anschaulichste Station des Museums. „Im Jahr haben wir etwa 7000 Besucher hier, darunter 60 bis 70 Gruppen.“, resümiert Krüger. 
Im Bereich Natur und Sammlungen wird außerdem eine beeindruckende Schmetterlings- und Käfersammlung präsentiert. „Um 1900 sind die Berliner richtig organisiert durch die Touristenclubs gezogen, sind mit Taschenmikroskop und Botanisiertrommel ausgerückt und haben gesammelt.“ Die Ergebnisse sind nun hinter Glas gebannt und können von großen und kleinen Besuchern bestaunt werden.
Das Highlight der Archäologie-Abteilung bleiben ganz klar die Mammutknochen. „Im Geschichtspark Falkensee, bei der Kiesförderung, ist neben dem Kies auch ein Mammutknochen auf dem Förderband gelandet.“, berichtet Krüger. Etwa 13.000 bis 15.000 Jahre soll der Knochen auf dem Buckel haben. „Es ist spannend: die Mammuts sind wegen des Klimawandels ausgestorben. Das ist jetzt wieder ein aktuelles Thema.“ Die Verbindung Altes – Aktuelles wird auch von einer Fotoserie von Heinz Krüger aufgegriffen, die mit einem Augenzwinkern mit archäologischen Objekten gepaart wird. So wird das Einkaufsnetz zur Klammer zwischen der Steinzeit und einem Foto aus den 50er Jahren. „In Friesack hat man die bisher am ältesten geknüpften Tragenetze der Welt dokumentiert.“, erklärt der Museumslehrer. 
Kurios wird es auch, wenn die Ortsgeschichte Falkensees erkundet wird. „Das Haus stand ursprünglich woanders.“, wirft sicher die ein oder andere Frage auf. Damit meint Krüger, dass mit den Materialien eines Wohnhauses aus der Spandauer Altstadt in Falkensee ein ähnliches Haus wieder aufgebaut wurde – das Museum selbst. „Das ist eine schöne Verbindung: Falkensee ist ein Ort, der sich durch Zuzug definiert hat. Und jetzt erzählen wir in einem Haus, das eigentlich mal ganz woanders stand, die Geschichte des Ortes.“ Natürlich nehmen auch Falkenseer Persönlichkeiten ihren Platz in Anspruch – und Fontane ist ausnahmsweise mal nicht der Hingucker der Ausstellung. Tatsächlich hat sich dieser mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein einziges Mal in das Lokal Finkenkrug getraut.
Die Geschichte der Stadt zu NS-Zeiten wird über geglückte und misslungene Emigrationen erzählt. „Man konnte es sehen, wenn man es sehen wollte. Es sind sehr eindrückliche Zahlen: Circa 18.000 Menschen waren hier zu dieser Zeit wider Willen. Damals hatte Falkensee etwa 25.000 Einwohner.“ 
Die Nachkriegszeit und die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung wird durch verschiedene Zeitzeugenberichte greifbarer und lebendiger. „Falkensee grüßt seine Nachbarn. Kuchen nur für Westler“ hieß es auf einem Schild, das die Falkenseerin Anais Kubicki beim Fall der Berliner Mauer hochhält. Im Kinosaal, der den Rundgang durch Falkensees Geschichte abrundet, können einzelne Momente „live und in Farbe“ miterlebt werden.

Abwechslung im Erdgeschoss
Neben der Dauerausstellung können im Erdgeschoss des Museums regelmäßig wechselnde Ausstellungen besucht werden. Noch wird mit der Foto-Ausstellung „Fontane – Krüger – Kienzle“ die dreistufige Spurensuche durch die Mark Brandenburg ausgestellt. Zum Museumstag am 19. Mai wird es ein thematisch passendes Programm geben. Nach dem 30. Juni halten Bilder der Maler Hans und Willi Giercke Einzug in die Ausstellungsräume. „Es sind immer neue Ideen gefragt, ein Programm zu erstellen, das für Falkenseer ist. Falkensee ist kein Ort wie Potsdam, wo die Reisebusse in Scharen kommen. Wir machen Museum für Falkensee.“
(jk)

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