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Sechs Oberbürgermeister, die Stadtgeschichte schrieben - fünf kamen von außerhalb

Brandenburg. Muss ein erfolgreicher Oberbürgermeister aus Brandenburg kommen? Eine eigenartige Diskussion bestimmt den aktuellen Wahlkampf. Jan van Lessen, der Oberbürgermeisterkandidat von Linken, SPD und Grünen stammt aus Niedersachsen. Seine Gegner behaupten, dass er deswegen kein erfolgreicher Oberbürgermeister werden könne. Mal davon abgesehen, dass CDU-Kandidat Steffen Scheller in Köthen geboren wurde und die ehemalige Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann aus Genthin stammt, hat der PreussenSpiegel mal in die Geschichte geschaut und die Herkunft früherer Oberbürgermeister mit ihren Leistungen für die Stadt verglichen.
Im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts, zwischen 1897 und 1933 hatte Brandenburg sechs Oberbürgermeister. In dieser Zeit erschütterten u.a. der Erste Weltkrieg, die Novemberrevolution, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise die Stadt Brandenburg. Rudolf Hammer, von 1897 bis 1905 OB, war 1830 in Brandenburg geboren und diente ihr bis ins hohe Alter. In seiner OB-Zeit wurden die Pferdebahn (1897), ein Elektrizitätswerk und das Krankenhaus (1901) sowie die Städtebahn zwischen Belzig, Brandenburg, Rathenow und Neustadt/Dosse (1904) eröffnet. Ihm folgte der Jurist Hugo Dreifert, 1861 in Cottbus geboren und dort zuletzt Zweiter Bürgermeister, ehe er 1905 in Brandenburg Erster Bürgermeister und ab 1907 OB wurde. Er modernisierte die Verwaltung und ließ erstmals Bebauungspläne als Voraussetzung für eine geordnete Stadtentwicklung erarbeiten. 1911 wurde die erste elektrische Straßenbahnlinie eröffnet,  außerdem entstanden eine städtische Gasanstalt und die Doppelgemeindeschule (das heutige von-Saldern-Gymnasium). Als der Silokanal gebaut wurde, setzte Dreifert den Bau eines Stadthafens durch und bei der Landesregierung erreichte er, dass das heutige Asklepios-Klinikum bei Brandenburg entstand.
Ihm folgte 1912 Franz Schleusner, geboren 1876 in der Neumark, der vor seiner Wahl zum Brandenburger OB (1914/15) Stadtrat in Stettin war. In der Kriegszeit bemühte er sich um die Aufrechterhaltung der Versorgungslage. So ließ er Kartoffeln ankaufen, die zu festen Preisen an die Bürger abgegeben wurden. Die zunehmende Unzufriedenheit in der Arbeiter- und Bürgerschaft erkannte er.
Während der Revolution 1918/19 verließ er sein Amt nicht, sondern verhandelte u.a. mit dem SPD-Vorsitzenden Otto Sidow, um Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Er fand mit den Sozialdemokraten einen Weg zum gemeinsamen Handeln.
Ab 1920 lenkte der Kaufmannssohn Walter Ausländer (SPD) aus Königsberg in Ostpreußen die Geschicke der Stadt. Er managte die schwierige Finanzlage der Stadt in der Inflationszeit und einigte sich mit Arbeiter- und Fabrikantenvertretern auf die Einführung eines städtischen Notgeldes. Mit Leidenschaft sorgte er für Fortschritte in der Stadtentwicklung, u.a. durch den Bau der Steintor- und Luckenberger Brücke und der Badeanstalt am Grillendamm. Die Feldartillerie-Kaserne in der Magdeburger Straße wurde Altersheim und Waisenhaus und am Marienberg entstanden der erste städtische Friedhof sowie das Krematorium. 1926 starb Ausländer an den Folgen einer Kriegsverletzung. Seine Urne war die erste, die auf dem neuen Friedhof beigesetzt wurde.
1926 wurde der Volkswirt und Magdeburger Stadtrat Ernst Fresdorf (SPD), geboren 1889, zu seinem Nachfolger gewählt. Er organisierte die Verwaltung neu, u.a. schuf er ein Presse- und Wirtschaftsamt, um nähere Kontakte zur Bürgerschaft und zur heimischen Wirtschaft aufzubauen. 1929 vergrößerte er das Stadtgebiet um 44 Prozent, u.a. durch Eingemeindung des Dombezirks. Seit 1921 hatte die Einwohnerzahl um 23 Prozent zugenommen, die Stadt hatte die höchste Zahl der Eheschließungen vergleichbarer preußischer Städte. Der Wohnungsbau, die Errichtung des Wohlfahrtsforums (Stadbad) und der Feuerwache trugen zu dieser Entwicklung bei. 1932 wurde Fresdorf zum ersten Beigeordneten der Stadt Köln gewählt und damit Stellvertreter des dortigen OB Konrad Adenauer. Der 1888 in Berlin geborene Paul Szillat (SPD), ein gelernter Feinmechaniker, war vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister Kämmerer in Rathenow. Während seiner kurzen Amtszeit als Oberbürgermeister war er ständigen Angriffen der bürgerlichen Opposition und NSDAP ausgesetzt, die ihn hinderten, sich wirksam mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise auseinanderzusetzen. Am 20. März 1933 wurde er entlassen, wenig später im KZ Oranienburg inhaftiert.
Von sechs Oberbürgermeistern stammte mit Rudolf Hammer lediglich einer aus Brandenburg an der Havel. Trotzdem war das erste Drittel des 20. Jahnhunderts eine Zeit des Aufschwungs für die Stadt. Nach Hammer, Dreifert, Schleusner und Ausländer sind heute Straßen benannt. 

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